Ein Mann, groß wie ein Baum, stark wie ein Bär, entgeht der Bundeswehr

Julian D. (26) - sein bisher klügster Schachzug

Stillgestanden in Reih und Glied, die Augen geradeaus, vollste Konzentration beim Gelöbnis, während die Eltern Tränen der Rührung vergießen; alsbald sich rührend, in freudiger Erwartung auf die nächste Trainingseinheit, und schon suhlt er sich im Dreck, robbt über den nassen, schlammigen Boden, wohlwissend, sich hiermit voll in den Dienst seines Vaterlandes zu stellen: Julian D. bei der Bundeswehr! Daß es sich hierbei um ein erfundenes Szenario handelt, mag dem Leser unlängst aufgefallen sein; denn erstens bedarf es beim Gelöbnis keinerlei Konzentration und zweitens wird man doch nicht ernsthaft Dreckwühlerei und Vaterlandsdienst miteinander in Verbindung bringen wollen. Und dennoch, soweit hergeholt ist das Bild von Julian, dem Soldaten, nicht.

Die Mauer ist gefallen und Deutschland wiedervereinigt. Mit dem Ende des Viermächtestatus Berlins gilt die bundesdeutsche Wehrgesetzgebung erstmals auch in der einst geteilten Stadt. Das bedeutet, daß nun auch die jungen Männer West-Berlins - vor wenigen Jahren noch glückselige Nutznießer des größten Standortvorteils der eingemauerten Stadt - nach Beendigung ihrer schulischen Laufbahn Wehr- bzw. Zivildienst abzuleisten haben. Die 18- bis 19jährigen Grünschnäbel dieser Stadt haben sich mit der neuen Situation bereits abgefunden. Nicht so die Männer etwas älterer Jahrgänge zwischen 1971 und 1969. Für sie stellt sich die Situation problematischer dar, weil sie nun rückwirkend nach und nach zum Dienst herangezogen werden sollen. Dabei stand die Mauer noch und der Westberliner Sonderstatus hatte seine Gültigkeit, als die Lebensplanung der heute Betroffenen durch Beginn eines Studiums oder einer Ausbildung bereits klare Konturen annahm. Zwar besteht die Möglichkeit einer Zurückstellung vom Wehrdienst für die Dauer der Ausbildung bzw. des Studiums, doch danach kennen die Mannen vom Kreiswehrersatzamt kein Pardon - es sei denn, man erfüllt die wenigen harten Voraussetzungen, die einen jeden von der Pflicht endgültig freistellen.

Diese Voraussetzungen zu erfüllen bedarf enormer Anstrengungen und geschlossenem Auftretens, und deshalb fand sich nach der Wende der Großteil der Kameraden in wohl organisierten Netzwerken wieder, in denen etwaige Pläne geschmiedet, potentielle Auswege abgewogen und wichtige Informationen ausgetauscht werden konnten. Eine häufige Anlaufstelle war und ist die Kampagne gegen Wehrpflicht, die zwar - so zumindest der persönliche Eindruck des Schreiberlings - ein hohes Maß an Aktionismus versprüht, deren kostenpflichtigen Ratschläge jedoch nur in Ausnahmefällen Erfolgsaussichten aufzeigten. Andere Anlaufstellen in Berlin erwiesen sich als sehr viel ergebnisorientierter. So gingen zahlreiche Betroffene ein erfolgreiches Bündnis mit der hiesigen Ärzteschaft ein, die sich besonders in der heißen Phase zwischen 1992 und 1994 ihrer Aufgabe als "Retter in letzter Not" bewußt wurden. Die Doktoren ließen ihrer Phantasie freien Lauf und bescheinigten den Patienten so unglaublich gute Krankheiten, daß die glücklichen Auserwählten bei der Musterung mit Untauglichkeit glänzen konnten - wohl dem, der das Kreiswehrersatzamt mit der Beurteilung "T 5" wieder verlassen konnte! Einer der Mitstreiter freute sich beispielsweise über eine attestierte Apfel-/Nußallergie, die ihm die Ausmusterung bescherrte. Erfolgversprechend waren und sind insbesondere Probleme mit dem Herzen, die bei den jungen Männern in letzter Zeit erschreckend häufig auftreten. Vielen ist kein Aufwand zu groß, dem Wehrdienst zu entkommen. Äußerst pikant war ein Fall, wo sich ein Betroffener noch rechtzeitig vor der Musterung von seinen Eltern sexuell mißhandeln ließ, um mit psychischen Schäden aufwarten zu können.

Übrigens ergaben neueste Statistiken, daß die Chancen der Ausmusterung in Berlin weitaus geringer sind als in einer durchschnittlichen westdeutschen Stadt wie z.B. - sagen wir - in Aachen. Der intensiven ärztlichen Betreuung ist eine Ausmusterungsquote von immerhin etwa 20 bis 30% zu verdanken; lange nicht jedem wird auf diesem Weg also ein Freifahrtschein zuteil. Außerdem sind postwendend auf den ominösen und viel beachteten Apfel-/Nußallergie-Fall die Anforderungen für eine Ausmusterung durch Einführung der Tauglichkeitsstufe "T 7" gestiegen. Darum gehen viele auch andere Wege. Manch einer taucht einfach ab oder behilft sich mit regelmäßigen Wohnungswechseln, um so den Erfassungsvorgang zu überlisten. Doch gleichen solche Strategien einem Katz-und-Maus-Spiel, in der eine ausgesprochen wachsame Polizei mit großem Elan den Part der Katze übernommen hat. Wer auf Nummer sicher gehen will, lernt eine Russin kennen, heiratet sie in Las Vegas, zieht mit ihr nach Moskau, gründet eine erfolgreiche Marklerfirma und fechtet dann mit genügend Geld im Nacken "janz eenfach det Verfahren jerichtlisch an", so unser Auslandskorrespondent und Experte für Fälle umständlicher Ausmusterungsvorgänge aus Moskau.

Nur ein Einziger hat sich all dem Streß erfolgreich entziehen können. Jawoll, dieser jemand ist der Julian. Groß wie ein Baum, stark wie ein Bär und seines Zeichens excellenter Eishockeyspieler, kann er heute voller Stolz auf seinen bisher klügsten Schachzug seiner noch jungen Karriere zurückblicken. Noch vor Mauerfall zog es den jungen Mann in die Ferne nach Amerika und kümmerte sich einfach nicht weiter um die Briefe des Kreiswehrersatzamtes, die in regelmäßigen Abständen im Tegelorter Briefkasten landeten. Inzwischen hat Julian sicher das 25. Lebensjahr durchschritten und ist auf Lebzeiten nicht mehr zum Wehr- oder Zivildienst heranziehbar. Herzlichen Glückwunsch!!!

Julian könnte gar nicht in Reih und Glied stillstehen!